Jerma's Big Adventure: Ein Content Creator wird zum Actionhelden – gefragt hat ihn niemand
Ohne Frist: Es bleibt im Katalog, bis der Shop es entfernt.
Bei Steam holen ↗Geholt wird es in deinem eigenen Shop-Konto; Clairo holt es nicht für dich.
Die Verfügbarkeit kann je nach Region unterschiedlich sein.
Im Alleingang von einem einzigen Entwickler gebaut, behandelt das Spiel alle gut, die nur die Witze des Kanals wiedererkennen wollen, und alle schlecht, die jeden Erfolg einsammeln wollen.
Der Hinweis, mit dem das Abenteuer beginnt
Die Shop-Seite beginnt mit einer Warnung, die nur wenige Titel überhaupt brauchen: Das Projekt steht in keiner Verbindung zu Jerma985, in Auftrag gegeben hat er es nicht, und seine Meinung gibt es ebenso wenig wieder. Es ist ein Fanprojekt, das das Studio worblir im Alleingang gebaut und im August 2021 auf Steam veröffentlicht hat. Seltsam wäre es schon, ginge es um einen selbst: Jemand nimmt das eigene öffentliche Bild, wirft einen in eine Höhle voller Monster und sagt erst Bescheid, wenn alles fertig ist.
Die Prämisse entspringt einem läppischen Unglück: Ein x-beliebiger Stream endet damit, dass der Protagonist in eine tiefe Höhle stürzt, voller Laser schießender Roboterdinosaurier und bösartiger Elektromagier. Bewaffnet ist er auf dem Weg nach draußen nur mit einem Baseballschläger, im Ohr die ganze Zeit die Reaktionen des eigenen Publikums, als liefe der Stream da unten einfach weiter.
Der Rest der Seite bestätigt, dass dort niemand das eigene Abenteuer allzu ernst genommen hat: drei verschiedene Enden, ein Punktesystem für Witze, eine großzügige Menge an Jerma-Soundschnipseln überall in der Kulisse und eine Feature-Liste, auf der ohne jede Erklärung ein Eintrag steht, der nur „Rats“ heißt, gefolgt von einem Fragezeichen – als wüsste das Team selbst nicht zu sagen, warum das dort steht.
Der Abschiedspost, aus dem ein Prolog wurde
Monate früher hatte das Studio die Grafik- und Tondateien des eigenen Spiels bereits für alle freigegeben, die sie in einem anderen Projekt weiterverwenden wollten, ohne dafür etwas zu verlangen. Dann kam der Text, den der Entwickler selbst als vermutlich letzten Beitrag über das Spiel beschrieb: ein Dank an alle, die es gespielt hatten, und eine angelehnte Tür für eine mögliche Fortsetzung, ohne jedes Versprechen.
Wer den Text Jahre später liest, erfährt nicht, ob da ein Punkt stand oder ein Komma. Erst der nächste Beitrag antwortet darauf: Ein Jahr darauf zeigte das Studio Trailer und Shop-Seite einer Fortsetzung, Jerma's Big Adventure 2, beschrieben als Abenteuer, das von Genre zu Genre springt und dabei durch Versionen eines Rollenspiels und eines psychologischen Horrorspiels im eigenen Universum führt, immer um das unruhige Stream-Publikum bei Laune zu halten und den Protagonisten im Ruhm steigen zu lassen. Der Abschied war nicht das Ende – er war die Pause vor der Ankündigung.
Witze, die nur zünden, wenn man den Stream kennt
Wer das Spiel empfiehlt, spricht wenig über das Spielgefühl und viel über Wiedererkennung. Eine Rezension vom Dezember 2022 vergleicht die Erfahrung mit den Flash-Spielen, die früher auf Newgrounds kursierten – nicht als Vorwurf, sondern als Lob für eine Sorte Spiel, die fast verschwunden ist. 2026 dann schrieb ein anderer Spieler, mit einer Stunde Spielzeit, der Titel habe Erinnerungen an bestimmte Gags des Kanals zurückgebracht, und zog das Fazit, die Zeit sei nicht verloren gewesen, so kurz das Ganze auch ausfällt.
Entweder man erkennt den Witz oder eben nicht; ein Dazwischen gibt es hier nicht. Die Feature-Liste verspricht einen Eintrag namens „Rats“, ohne den Grund zu nennen; eine Rezension vom Januar 2022 gibt den Witz zurück und summt selbst den Refrain über eben jene Ratten. Eine andere, vom November 2021, übertreibt absichtlich den Ruf des Moderators, sein eigenes Live-Publikum zu erschrecken – eine komische Übertreibung, die nur aufgeht, wenn man den Kanal außerhalb des Spiels verfolgt. Beschwerden sind selten, und taucht doch einmal eine auf, kommt sie aus der Fangemeinde selbst.
Der Erfolg, der das Spiel umkrempelt
Die härteste Kritik kommt nicht von denen, denen die Hommage nicht gefiel – solche Stimmen sind schwer zu finden in dem, was Spieler auf Steam geschrieben haben, wo der Titel auch verkauft wird. Sie kommt von jemandem, dem es gut genug gefiel, um alles freischalten zu wollen. Ein Spieler mit neun Stunden Spielzeit nennt das Spiel im September 2021 eine Feier und hat seinen Spaß am Hauptmaterial, beschreibt den Zusatzmodus namens Psycho aber als feindseligen Filter gegen alle, die hinter Erfolgen her sind.
Wer die Trophäenliste abschließen will, bleibt am Erfolg golden jex hängen: Dafür muss man Passagen überstehen, in denen das Spiel den Spieler ohne Vorwarnung mit Gegnern umstellt, und das nur in jenem Modus – nicht weil die künstliche Intelligenz schlauer geworden wäre, sondern weil das Studio diese Passage so gebaut hat. Wer nicht auf Trophäenjagd geht, stößt nie darauf.
Über den Witz lacht man schnell, durchgespielt ist er lange nicht
Wer genug Zeit mit Stream-Ausschnitten verbracht hat, um die Spitznamen und die Gags des Kanals auswendig zu kennen, findet hier ein schnelles Mitbringsel ohne großes Zeremoniell, genau in der Größe für einen freien Nachmittag. Wer nie von Jerma985 gehört hat, stolpert in ein gewöhnliches Actionabenteuer, getragen von Anspielungen, die sich nicht von selbst erklären – nimmt man den Kontext weg, bleibt wenig übrig.
Und wer das ganze Spiel durchzieht, hinter dem goldenen Erfolg her, findet ein anderes Spiel vor als das, was die beiden anderen beschrieben haben: eines, das seinem eigenen Witz den Rücken kehrt und zur harten Nuss wird.