Cell to Singularity: von der ersten Zelle zur Singularität, ein Klick nach dem anderen
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Spieler mit hunderten Stunden loben genau die Balance, von der andere, ebenfalls nach hunderten Stunden, sagen, das Studio habe sie ihnen unter den Füßen weggezogen.
Eine Balance, die hunderte Stunden trägt – oder eben nicht
Eine Rezension nach 618 Stunden lobt, wie das Spiel schnelle Erfolge und ferne Ziele gegeneinander austariert. Eine andere, nach 509 Stunden, hält fest, dass eine kürzliche Neujustierung genau diesen Rhythmus verändert hat: Fortschritt verlangt seither, das Spiel monatelang laufen zu lassen. Beide haben dasselbe Spiel länger gespielt, als die meisten durchhalten, und kommen zu gegensätzlichen Schlüssen – und es ist diese Reibung, nicht das Genre und nicht der Shop, die Cell to Singularity besser erklärt als jedes Datenblatt.
Das Spiel beginnt in der organischen Suppe der frühen Erde und kommt Klick für Klick voran: Jede Berührung erzeugt Entropie, die Währung, die den nächsten Evolutionsschritt freischaltet, während Ideen einen Technologiebaum hinauf wachsen, Richtung Industrielle Revolution und darüber hinaus, unterlegt mit klassischer Musik. Spielberichte beschreiben eigene Simulationen, etwa die der Dinosaurier und die der Planeten, die fast wie separate Spiele im selben Paket wirken.
Der erklärte Anspruch ist hoch: Am Anfang klickt man auf eine Pfütze organischer Verbindungen, am Ende entscheidet man über das Schicksal einer ganzen Zivilisation, mit späteren Kapiteln, in denen auch die Umgebung des Mars umgebaut wird, damit menschliches Leben dort überlebt. Diese Spannweite versuchen wenige Spiele derselben Machart auf einmal abzudecken.
Die Zukunft ordnet das Spiel neu und räumt den Mars weg, um ihn neu zu bauen
Im Juli veröffentlichte das Studio Computer Lunch ein seltenes Entwicklertagebuch und berichtete darin, im Laufe des Jahres fast alle drei Wochen neue Inhalte ausgeliefert zu haben: neue Lebenskapitel mit Weichtieren und Krebstieren, eine zweite Wissenschaftliche Revolution und eine zweite Industrielle Revolution, dazu das Abschlusskapitel eines ganzen Erzählbogens namens Das Jenseits. Die größere Änderung stand allerdings noch aus.
Die nächste Erweiterung, Die Zukunft, verschiebt die Singularität selbst weiter nach hinten in die Progression und teilt die Geschichte in fünf Erzählpfade, geführt von einer Entität namens Semblance, die den Weg von Technologie und Menschheit vorherzusagen versucht. Wer den Mars-Teil schon hinter sich hatte, findet ihn eine Zeit lang nicht mehr im Spiel: Um diese Etappe der Reise vom Mond zum Mars samt einem neuen Mondgarten zu bauen, hat das Studio die alten Inhalte komplett entfernt und von Grund auf neu errichtet. Im September war die Erweiterung schon für jene freigegeben, die das Spiel früher als das breite Publikum testen; die Mobilfassung stand da noch aus.
Eine weitere Ankündigung zeigt, dass das Studio schwierige Themen nicht meidet: Im August begleitete das Schwangerschafts-Event die Entwicklung des Fötus und kam mit einem vorab gegebenen Hinweis für alle, die auf Themen wie Fortpflanzungsanatomie empfindlich reagieren – eine seltene Rücksicht in einem Casual-Spiel über Evolution.
Wer bleibt, lernt Biologie, ohne es als Lernen zu merken
Wenn man gern einen Fakt nach dem anderen aufnimmt, ohne das Gefühl zu haben, zu lernen, dann ist das genau der Effekt, den diese Rückmeldungen beschreiben: Das Spiel stützt sich auf echte Wissenschaft, damit es nicht ermüdet. Jemand mit 33 Stunden hebt im Oktober hervor, dass die Dinosaurier- und die Planetensimulation wie eigene Spiele im selben Paket wirken, und fasst zusammen, ein Titel ohne Preisschild schlage mehrere, die verkauft werden. Ein anderer Text, 9 Stunden im September, räumt die Wiederholung ein, die jedes Spiel dieser Machart mitbringt, hält das Ergebnis aber für einen Lohn für alle, die Geduld für die lange Strecke haben.
Die Rezension nach 618 Stunden, die längste auf der positiven Seite, schreibt es dem Studio an, auf die eigene Community zu hören, und lobt die Balance zwischen schneller Belohnung und fernem Ziel. Nach 90 Stunden schreibt jemand, mit der Erwartung angefangen zu haben, zum Kauf von Spielwährung gedrängt zu werden – und überrascht worden zu sein: Gezahlt hat diese Person erst, nachdem ihr das Spiel gefiel, als Unterstützung für das Team, und sie schätzt es, am Handy dort weiterzuspielen, wo sie am Computer aufgehört hat. Auf Japanisch merkt eine Rezension nach 220 Stunden an, der Forschungsbaum wachse auf eine Weise, die nicht ermüdet, und selbst Neueinsteiger könnten die Fortschrittsmarken mitgehen. Auf Französisch genügten 151 Stunden für die Aussage, man habe beim Spielen Geschichte gelernt, und auf Russisch vergleicht eine andere Person das Spiel mit einer Reihe von Kinderbüchern über die Welt.
Der Preis, den dieses Publikum zu zahlen bereit ist, heißt Geduld. Eine Rezension nach 417 Stunden warnt, dass ununterbrochenes Durchspielen schnell gegen eine Wand läuft und dass Geld fürs Beschleunigen wenig bringt, verglichen mit dem Sparen von Spielwährung für dauerhafte Verbesserungen – belohnt wird hier, wer täglich zurückkommt, nicht wer alles in einem Zug schaffen will.
Dieselbe Balance, die die einen loben, ist für die anderen verschwunden
Wer am Tag nur ein paar Minuten übrig hat, wird von diesem Spiel fürs Warten schlechter bezahlt als fürs ständige Klicken – umgekehrt also, als es bei einem Titel dieser Machart zu erwarten wäre. Eine Rezension nach 117 Stunden beschreibt eine Oberfläche voller Verkaufselemente und Events, die ohne Pause rotieren, und sagt, am Anfang seien ein paar Minuten aktives Spiel mehr wert als mehrere Stunden Warten. Nach nur 1 Stunde wirft ein anderer Text den Fortschrittsbalken vor, so kalibriert zu sein, dass sie zu Beginn schnell wirken und kurz darauf stocken.
Die härteste Kritik kommt allerdings von denen, die länger geblieben sind, nicht von denen, die früh aufgegeben haben. Die Rezension nach 509 Stunden, dieselbe wie zu Beginn, hält fest, dass eine kürzliche Neujustierung seither monatelanges Laufenlassen verlangt, nur um genug für den nächsten Schritt zusammenzubekommen, und dass ein neuer Erfolg zum Vogelzählen zu einem völlig unverhältnismäßigen Ziel geworden ist. Auf Chinesisch kommt eine Rezension nach 18 Stunden über einen anderen Weg zu einem ähnlichen Verdacht: Nach zwei süchtigen Tagen sah diese Person, dass unter der schönen Oberfläche nur Zahlen lagen, die sich stapeln und zur Währung drängen, die man mit echtem Geld kauft – näher an einem Handyspiel, das man täglich für eine Belohnung öffnet, als an dem angekündigten Evolutionsabenteuer.
Trotzdem lobt eine Rezension nach 32 Stunden, die die Mechanik der kurzen Neustarts auslaugend nennt, Grafik und Soundtrack und gibt dann zu, dass die Wiederholung die Oberhand gewann. Der Schnitt am Ende sieht so aus: Die Balance, die die Rezension nach 618 Stunden lobt, ist genau die, von der die nach 509 Stunden sagt, eine Neujustierung habe sie verändert. Die Uneinigkeit dreht sich nicht darum, ob das Spiel gefällt – sie dreht sich darum, an welchem Punkt der Progression jemand stand, als das Studio die Regeln änderte.
Geeignet für alle, die dem Spiel das Tempo überlassen
Für dich zahlt sich das aus, wenn du eine Zahl gern langsam wachsen siehst, während du einen Biologiefakt nach dem anderen mitnimmst, wenn du das Spiel täglich öffnest statt in einer einzigen Sitzung und wenn es dich nicht stört, die eine oder andere bezahlte Belohnung liegen zu lassen – viele Berichte zeigen, dass man weit kommt, ohne mehr als Zeit auszugeben.
Nichts bringt es dagegen jenen, die das Spiel einfach allein laufen lassen und Tage später ein entsprechend großes Ergebnis einsammeln wollten: Nach den Berichten derer, die hunderte Stunden erreicht haben, hält dieses Versprechen nur in einer frühen Phase der Progression – danach muss, wer weitermacht, die eigene Uhr selbst antreiben, mit Klicks, und nicht umgekehrt.